Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer
R. G. Fischer Verlag


Stenzel, Kirsten
Paul und das Geheimnis des Zauberkästchens
Ein Roman für Kinder ab 8 Jahren
2008.
200 Seiten.
Paperback.
€ 9,80 (D).
ISBN 978-3-89950-937-3.

Als Paul zu seinen Verwandten fährt, um bei ihnen die Sommerferien zu verbringen, ahnt er noch nicht, dass ihn dort etwas ganz Unglaubliches erwartet. Die seltsamen Ereignisse nehmen ihren Lauf, als er beim Stöbern im Haus seines Onkels ein Kästchen entdeckt, das über geheimnisvolle Kräfte verfügt. Paul erhält die Aufgabe, einen kostbaren Schatz zu finden und damit das Städtchen Schwüblingsen von einem bösen Zauber zu befreien.
Und schon steckt der Junge mitten in einem aufregenden Abenteuer, wie er es sich in seinen kühnsten Fantasien nie vorgestellt hätte.


„Dieses Buch zeichnet sich durch spannende Rätsel und Zaubersprüche aus, ist aber auch realitätsbezogen durch kurze Einführungen z.B. in die Sternenkunde, Mesozoikum und somit pädagogisch interessant.“

Leseprobe:

»Ja, ich weiß«, murmelte sie und ehe Paul es sich versah, saß er auf einem alten Holzstuhl an einem runden Tisch. Die Alte setzte sich genau gegenüber und schüttelte den Kopf, dabei fielen einige kleine Tierchen, die aussahen wie Wanzen, aus ihrem Haar. Die Bude war nur spärlich beleuchtet, überall standen Kerzen und es liefen eine Menge Katzen umher. Eine strich an Pauls Beinen entlang, machte einen Buckel und musterte ihn, wie Onkel Fred es immer tat. Auf dem Tisch stand eine große Kugel, in welche die Alte immer hineinstarrte. Paul fiel die eigenartige Kleidung auf, die sie trug: ein alter Umhang, auf dem Sonne und Mond gestickt waren. In dem Moment, als er gerade etwas sagen wollte, zog sie ein Kartendeck aus ihrem Umhang. In Sekundenschnelle mischte sie die Karten und legte sie in fünf Reihen aus. Ihre Hände zitterten und Paul sah ihre langen Fingernägel, die wie Krallen gebogen waren.
»Ich wusste es!«, hauchte sie ihm entgegen. »Guter Junge.«
»Was meinen Sie?«
»Wir haben auf dich gewartet!« Paul erhob sich von seinen Stuhl.
»Hinsetzen, aber dalli!«, schrie sie. »Hier, schau selbst!« In diesem Moment gab sie dem Tisch einen Schubs und er drehte sich. Vor Paul lagen die eigenartigen Karten, die er verwundert anstarrte.
»Zweite Reihe von oben, genau in der Mitte«, sagte die Alte. Paul riss seine blauen Augen weit auf und erblickte eine seltsame Karte, auf der ein Junge in einem altertümlichen Gewand zu sehen war. In der linken erhobenen Hand hielt er eine Schriftrolle und stand erhöht auf einen Stein. Um ihn herum war Wasser und seltsame Wesen versuchten, nach ihm zu greifen.
»Und?«, flüsterte Paul und wischte sich ein paar Schweißperlen von der Stirn. »Was: und? Das bist du!«, sagte sie lächelnd und klatschte in die Hände, sodass er zusammenzuckte.
»Ich soll das sein?« Paul schaute noch einmal auf die Karte, aber er konnte keinerlei Ähnlichkeit feststellen.«Kann ich jetzt gehen? Ich … ich muss herausfinden, wann und wo hier ein Bus in die nächste Stadt fährt.«


[…]


Zum zweiten Mal nahm die Maus den Stock in die Hand und berührte zuerst Paul. Nun sprach sie mit einer lauten und ruhigen Stimme:
»Zauberstock von Feenhand,
bist dem Wunder zugewandt.
Musst mir jetzt die Kräfte zeigen,
die dich würdevoll begleiten.
Aus groß wird plötzlich etwas klein
und dies wird nicht von Dauer sein.
Entschwinde Stock aus meiner Hand
und kehr zurück ins Zauberland.«
Das gleiche Ritual wiederholte sie sofort auch bei Maik. Kaum hatte sie ihren Reim zu Ende gesprochen, da passierte etwas Unglaubliches. Die Haut der Jungen bekam plötzlich kleine Beulen und diese bewegten sich auf und ab, als würden tausend Ameisen durch sie hindurchlaufen, krabbelte es auf ihren Kopf, an den Armen und Beinen. Der gesamte Körper war in einer wellenartigen Bewegung und langsam fingen sie an zu schrumpfen.
»Was ist das?«, fragte Maik erschrocken. Pauls Stimme zitterte: »Ich weiß nicht! Überall juckt es!«
»Bei mir auch!«, sagte Maik. Sie wurden kleiner und immer kleiner, so klein, bis sie die Größe der Maus erreicht hatten.
»Schnell durch den Gang«, sagte die Maus. Paul schreckte auf, als er die Maus ansah. Jetzt war sie nicht mehr so niedlich. Ihre Pfoten zeigten große Krallen, sie wirkten wie Schaufelbagger. Ihre kleinen Zähnchen wirkten auf einmal wie gewaltige Raffer.
»Aus dieser Perspektive siehst du ja gruselig aus«, sagte Maik.
»Durch den Gang«, fauchte die Maus wieder. Ganz flink rannte sie hinein und rief mahnend: »Eure Größe hält nicht lange an!«
»Was? Auch das noch«, stöhnte Maik und schob Paul vor sich her. Dunkel war es hier und sie konnten nichts erkennen. Sie liefen dicht hinter der Maus einher, die immer schneller wurde. Es roch modrig und sie atmeten feuchte Erdluft ein. »Schnell«, rief die Maus, die ein ungeheueres Tempo aufbrachte. Sie konnte in der Dunkelheit sehen und Paul hatte Schwierigkeiten, dicht hinter ihr zu bleiben. Zuerst rannten sie geradeaus, dann ging es um eine scharfe Rechtskurve. Erdklumpen fielen auf ihre Köpfe. Von allen Seiten bröckelte die Erde von den Wänden herunter. Vermischt mit Steinen, die den Weg schwer begehbar machten.


[…]


»Sie muss unbedingt ruhen, wir suchen ein paar seltene Kräuter, daraus kochen wir einen Zaubertrank, tränken Blätter damit und legen sie auf ihre Wunde«, sagte Rosa ernst. Kaum hatte sie das geäußert, rannten die kleinen barfüßigen Elfen, wie Ameisen auseinander und begannen mit der Kräutersuche. Rosa rief ihnen aufgeregt hinterher: »Nur die ausgewachsenen Pflanzen! Wir brauchen Fleckenwurz, Zeitgeister, Rötenweg und Schneckeneil.«
In der Zeit in der Maik und Paul mit Ellen in den Turm zurückgingen, wurde ein großes Feuer angezündet, darüber wurde ein messingfarbener Kessel aufgehängt und Wasser zum Kochen gebracht. Nacheinander warfen die Elfen im Flug die verschiedenen Kräuter hinein. Ein süßlicher Duft stieg aus dem Pott und allmählich entstand durch ständiges Rühren eine klebrige Masse, die eine Konsistenz von Honig annahm. Nur die größten Blätter wurden verwendet und fingerdick mit der entstandenen Paste beschmiert. Noch in warmem Zustand legte Rosa diese Blätter auf Ellens Arm, der zwischenzeitlich schon dunkelblau verfärbt war. Der Duft, der Ellen jetzt umgab, wirkte beruhigend auf sie, denn nach einigen Minuten schlief sie fest ein und gab schnarchende Laute von sich.
»Ist das in Ordnung, dass Ellen wie ein Holzfäller schläft?«, fragte Maik. Rosa lächelte und streichelte über Ellens Stirn, als sie sagte: »Dieser Schlaf ist der gesündeste.«
Alle verließen den Raum und gingen die Wendeltreppe hinunter. Rosa klatschte dreimal in die Hände und zeigte freudig auf die Tafel, die plötzlich so reichlich eingedeckt war, dass es allen staunend die Sprache verschlug. Nur die Maus klatschte ebenfalls in die Hände und blinzelte verschmitzt.
»Kann man den Trick lernen?«, fragte sie lächelnd. Rosa, die fast in Augenhöhe der Schlafmaus stand, schüttelte ihre rotblonde Mähne.
»Jeder hat so seine Qualitäten«, sagte sie herzlich. Noch einmal klatschte sie in ihre zarten Hände und ein Stuhl für die Maus fing an zu wachsen, mit ihm kamen noch einige Stühle mehr aus dem Boden.
»Zaubern müsste man können«, stöhnte Maik.
»Nun, liebe Freunde, lasst uns speisen«, sagte Rosa in einem melodischen Ton. »Und die anderen Elfen, möchten sie nicht auch mit uns …?«, fragte Paul.

Über die Autorin:



Kirsten Stenzel
wurde 1960 geboren. Sie ist examinierte Krankenschwester, seit 2005 als Astrologin tätig.
Die Autorin, Mutter von Zwillingen, lebt in einem kleinen Ort in Sachsen.