Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer
R. G. Fischer Verlag

Gerd Blaumeiser


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Beitrag entnommen
aus der Jubiläums-Anthologie
ğIm Zaubergarten der WorteĞ
Ausgabe 2019







Muße als Lebensprinzip
(Leseprobe aus: »Die Macht der Muße«)

Der Weg zum tiefsten Inneren, dem verborgenen Ort unseres eigentlichen Selbst, ist am Anfang mühsam und erfordert den Rückzug von allen bisherigen Ablenkungen und Oberflächlichkeiten, von Vermeidungsstrategien sowie von der Verweigerungshaltung, sich mit sich selbst beschäftigen zu wollen. Dieser Weg ist vergleichbar mit dem Besuch eines nur flüchtig Bekannten, der sich ehemals uns gegenüber als sehr zugewandt und herzlich erwiesen hat, den wir aber leider aus den Augen verloren haben. Weitere Treffen erscheinen uns von Mal zu Mal angenehmer und stimmen uns schließlich immer freudiger. Nicht anders verhält es sich bei einem mit der Zeit immer erwartungsvoller und froher gestimmten Besuch bei uns selbst, also einer Versenkung in unser Innerstes, in die Ruhe, loslassend von allen uns aktuell wichtig erscheinenden Äußerlichkeiten. Eine annähernd vollkommene Harmonie mit unserem wahren Selbst bildet die Grundlage für den Zustand in vollkommener Muße. Anfangs wird dieser beglückende Zustand nur von kurzer Dauer sein und sich alsbald wieder auflösen. Je häufiger und intensiver wir uns jedoch selbst zu schätzen wissen, desto mehr kann unser Leben in Muße zu einem wahren Bedürfnis werden. Unser gesamtes Fühlen, Denken und Handeln orientiert sich an der inneren Ruhe, verbunden mit jeglichem Ausbleiben von Fremdbestimmtheit. So kann Muße zu einem Lebensprinzip werden. Der Weg zu unserem innersten Selbst, mit anderen Worten, unsere Selbstfindung und damit auch unser Selbstbewusstsein, wird so zu einem wesentlichen Teil unseres Charakters. Damit fällt es uns in den meisten, auch in den schwierigen oder für schwierig gehaltenen Lebenssituationen leicht, uns von bedrängender Ablenkung und Oberflächlichkeit in aller Ruhe loszusagen. Dies gelingt mit zunehmender Übung, was nichts anderes heißt, als sich mehr und mehr darauf einzulassen. Unsere Muße entwickelt sich dann zu einem Elixier unseres Lebens, einem Jungbrunnen vergleichbar.
Muße steht damit auch für eine Entdynamisierung »des Immer-schneller-in-Bewegung-Setzens der materiellen, sozialen und geistigen Verhältnisse. […] Die Trias Wachstum, Beschleunigung und Innovationsverdichtung lässt sich dabei als zeitliche (Beschleunigung), sachliche (Wachstum) und soziale (Innovationsverdichtung) Dimension eines einzigen Dynamisierungsprozesses verstehen.« Diese von dem Jenaer Soziologen Hartmut Rosa (*1965) ausgemachte »kompetitive Orientierung«, eingebunden in »Beschleunigungszwänge«, erzeugt eine »Steigerungsdisposition«, die nicht nur psychologisch, sondern auch auf »medizinischen, bio- und bevölkerungspolitischen, technischen, ökonomischen und juristischen Wegen […] in die Subjekte ›eingeschrieben‹« wird. (Rosa 2016) Ein gelingendes, ja, glückliches Leben ist damit nach Rosa ein solches Leben, das sich als steigerungsunabhängig begreift.



Kreativität – Geschenk der Muße

Muße braucht das Alleinsein und die Stille. Unser Gehirn kann nur dann Kreativität zur Verfügung stellen, wenn es in Muße die in ihm gespeicherten Gedanken, Bilder und Erfahrungen freisetzen und assoziieren kann, d. h. ohne Stress und Hatz, Druck oder innere Anspannung. Kreativität bezeichnet allgemein die Ur-Kraft, etwas Neues zu gestalten. Wenn der Geist allerdings gewissermaßen unter Strom steht, dann ist Kreativität, das Finden von Lösungen oder neuer Gedanken, kaum möglich. Neben einer ausgeprägten Neugier, guter Vorbereitung und konzentrierter Informationssammlung gehören zur Ideenfindung auch Stressvermeidung und eine angenehme Atmosphäre. Wie diese im Einzelnen vorzunehmen bzw. einzurichten sind, ist individuell verschieden. Wo dem einen eine Tasse Tee zu Entspannung und vertiefter Konzentration verhilft, ist es bei dem anderen eine eigens für Mußezeit eingerichtete Umgebung.
Beglückend und würdevoll zugleich sind die Muße und die aus ihr gespeiste Kreativität des zu Unrecht weithin vergessenen französischen Dichters Saint-Pol-Roux (1861–1940). Dieser hat jedes Mal, wenn er sich zum Mittagschlaf zurückzog, das Schild an seiner Tür angebracht: »Poet bei der Arbeit«.
Für den kreativen Geist ist es unabdingbar, dass Muße der Anfang aller schöpferischen Ideen ist (Schnabel 2010). Kreative Einfälle kommen am ehesten dann, wenn sie keinem Zwang unterliegen; sie erzwingen zu wollen, ist nachgerade der falsche Weg. Auch darauf wusste Saint-Pol-Roux eine Antwort: »Geschwindigkeit heißt vor sich selber fliehen.« (Matthes u. Seitz, Hg. 2013) Diese Erkenntnis stimmt dann auch überein mit dem bereits oben erwähnten Entschleunigungskonzept von Hartmut Rosa, für den Muße das Prinzip einer Entdynamisierung der Lebensführung und der Gesellschaftsgestaltung darstellt. Etwas banaler formuliert lässt sich festhalten, dass immer dann, wenn eine Beschäftigung womit auch immer erfolgt, der Geist etwas zu tun hat. Ob E-Mails checken, in Facebook mit Freunden und Followern kommunizieren oder auf Twitter kommentieren: das Gehirn ist beschäftigt. Angesichts dieses »Kommunikationsterrors« verbleibt allerdings kaum Zeit mehr bzw. besteht keine neuronale Möglichkeit, mittels Unterbewusstem neue Assoziationen herzustellen und somit kreativ zu sein. Schwindet aber Ruhe- und damit Mußezeit für das Gehirn, dann schwinden auch die Gelegenheiten für originelle Ideen und Geistesblitze.
Der Psychologe und Hirnforscher Ernst Pöppel (*1940) geht davon aus: »Wenn ganz Deutschland jeden Tag für eine Stunde nicht kommunizieren würde, dann hätten wir hier den größten Innovations- und Kreativitätsschub, den man sich vorstellen kann.« Pöppel beschreibt u. a. in seiner Darstellung »Dummheit. Warum wir heute die einfachsten Dinge nicht mehr wissen« das menschliche Gehirn als »überfordert«. Zugleich plädiert er für eine Intelligenz der Langsamkeit, der Pausen und des Imperfekten (Pöppel/ Wagner 2013). Es gilt also einerseits, die Fülle der Informationen zu bändigen, und andererseits, für sich selbst oder auch in den Arbeitsprozessen ein kreativitätsfreundliches Klima zu erzeugen. Hier liegt ein gewaltiges Potential für die Zukunft und die Gestaltung von Arbeit. »Kreativität und Gesundheit im Arbeitsprozess« oder »Kreativität und Muße« sind längst wissenschaftliche Forschungsfelder, die die Bedingungen für eine kreativitätsförderliche Arbeitsgestaltung untersuchen (Krol 2011). Der Wert der Muße insbesondere in der Arbeitswelt bemisst sich nach Krol daher gerade nicht an einem Nichtstun ohne Sinn oder einer Zeit in Langweile. »In unserer Arbeitskultur wird zu oft ausschließlich in Effizienzdimensionen gedacht. Dabei ist uns die Freiheit verloren gegangen, auch mal nichts zu tun – und damit der Raum und die Zeit für Reflexion, Entspannung und Kreativität. Zugleich hängen Unternehmen immer mehr vom Engagement, vom Wissen und von der Kreativität ihrer Mitarbeiter ab. […] Wir brauchen einen für uns passenden Rahmen, der nicht nur aus Leistung bestehen darf. Muße schafft eine wichtige Verbindung zwischen Konzentration und Entspannung. Sie unterstützt uns dabei, zwischen diesen Zuständen zu wechseln. […] Auch im Beruf benötigen wir für eine gewisse Zeit Freiheit von äußeren Anforderungen und damit Freiraum für neue Impulse und Sinnfindung. Momente der Muße wieder neu zu entdecken und einzuüben ist in unserer beschleunigten Welt unabdingbar für ein gesundes und sinnvolles Leben. […] Dabei setzt sich kreative Energie frei und wir geraten in eine besonders produktive Schaffensphase. Auch während der Arbeit gibt es das. Für den Beruf ist das ganz wichtig. Man kennt es hinlänglich aus der Kreativitätsforschung: Die meisten guten Ideen kommen, wenn man nicht über die Aufgabe oder das Problem nachdenkt.« (Stern 2016) Es ist daher sogar eine kreative Aufgabe, Muße im Alltag und in die Arbeitswelt zu integrieren und zu kultivieren.
Diese Erkenntnisse stehen geradezu im Widerspruch zu dem Benjamin Franklin (1706–1790) zugewiesenem Bonmot »Zeit ist Geld«, das in unserer heutigen, allein an Wachstum, Effizienz und Konsum orientierten Gesellschaft den ursprünglichen moralischen Impetus, die (Lebens- und Arbeits-)Zeit vernünftig zu nutzen, ausblendet und nur das in den Blick nimmt, was sich in Geld bemisst. Dabei möchte man meinen, dass es sich doch genau andersherum verhält: Geld ist Zeit. Darin aufgehoben ist dann sowohl der sorgsame Umgang mit der Ressource Zeit, die sich selbstverständlich in Geld bemessen lässt und somit auch einen Wert per se darstellt, als auch – und das in größerem Maße – die Überlegung, dass Zeit eine Einheit ist, mit der bezahlt wird. Im übertragenen Sinn handelt es sich dann bei »Geld« um die Währungseinheiten Gesundheit, Zufriedenheit, Seelenfrieden oder Glück, die mittels Zeit, die vor allem mit Hilfe von Muße zu gewinnen ist, akquiriert werden. Eine solche Überlegung aber sollte wiederum nicht dazu verleiten, die Muße einzig zur Gewinnmaximierung einzusetzen. Das kapitalistische Hamsterrad von schneller, höher, weiter würde damit lediglich weiterhin zu Lasten der Menschen, Gesellschaft und Umwelt beschleunigt werden und stellte dann nichts anderes dar, als den Versuch, das kalte Herz des Kapitalismus zu erwärmen. Wahre Muße hingegen ist auch in Arbeitsprozessen, wie bereits mehrfach betont, eine Kunst, eine innere Haltung (Schnabel 2010). Menschen, die Muße verinnerlicht haben, werden deren Macht erkennen und sich gegen alles wenden, was nicht ihrer Würde entspricht. Und »Geld machen« als Lebenszweck ist für unsere Spezies zwar verlockend, aber für Lebenssinn und -ziel letztlich unbefriedigend. Vor allem auch unter dem Aspekt, wenn man das Leben als Vorbereitung auf den Tod versteht.




Literatur:

Krol, Beate: Kreativität und Muße – Zukunft der Arbeit, 7/12.
SWR2 Wissen, SWR Mediathek

Saint-Pol-Roux: Geschwindigkeit.
Matthes & Seitz, Berlin 2013

Pöppel, Ernst/Wagner, Beatrice: Dummheit. Warum wir heute die einfachsten Dinge nicht mehr wissen.
Riemann Verlag, München 2013

Rosa, Hartmut: Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung.
Suhrkamp, Frankfurt/Main 2016

Schnabel, Ulrich: Muße. Vom Glück des Nichtstuns.
Blessing, München 2010







Gerd Blaumeiser,
geboren 1942, Orthopäde mit dem weiteren Tätigkeitsschwerpunkt Psychotherapie, Sozialmedizin und Sportmedizin, war bis 2016 in eigener Praxis tätig und arbeitete zugleich seit 1979 als Dozent am sportwissenschaftlichen Institut der Universität Koblenz. Nach der Übergabe seiner Praxis an einen Nachfolger findet er inzwischen die Zeit, seine Erfahrungen und Erkenntnisse auch schriftstellerisch weiterzugeben. Dr. Blaumeiser ist verheiratet und stolzer Vater einer Tochter, bei R. G. Fischer erschienen bisher vier Bücher von ihm.