Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer
R. G. Fischer Verlag

Bernd Herrde

»Nicht der Tod scheint der Schmerz,
es ist der Abschied, liebes Herz.«


cover
Beitrag entnommen
aus der Jubiläums-Anthologie
ğIm Zaubergarten der WorteĞ
Ausgabe 2019







Das Funkeln

Was glänzt und funkelt
auf der Wiese zu mir her?
Gräser tretend wollt ich es erlaufen,
aber es enteilte meinen Augen
immer kreuz und quer,
bis endlich ich begriff,
es war der Sehnsucht fliehend Licht
und die Gräser, die zertreten,
war‘n das Leben,
doch ich wusst es vorher nicht.


Die weiße Orchidee

Es blüht auf meiner Fensterbank,
immer neu voll Überschwang,
wahrhaft und nicht gedacht als blumiges Klischee,
eine weiße Orchidee.
Sie rankt sich knospend hoch,
öffnet schamhaft erst, dann frei und bloß
um ihr rotes Jaspisherz ein zartes Schneecollier.
»Was hast du Keusche nur mit mir gemacht,
dass ich dich seh‘ noch in der Nacht
in einem Hauch von Negligé.«


Loslösung

Ich legte in die Stille
mein ganzes Ich hinein,
sie hat es sacht getragen,
als wärs ein Stelldichein.
Es kamen keine Fragen,
verstummt war alles Schrille
und eine Daunenfeder
entflog mit meinem Sein.


Die Blume

Tapfer kämpft die Knospe
um das Öffnen, das Erhoffte,
damit ihr Zartes man versteht.
Bei Wind und Regen
sehnt sie unschuldsvoll entgegen
dem kleinsten Sonnenstrahl.
Alle Farben möcht sie geben,
wenn er nur käme, immer wieder,
vielleicht gar bliebe,
bis sie verblühe an ihrem Prinzipal.


Der Alte und sein Licht


Er zündet in den düst‘ren Stunden
sich einen Kerzenstumpen an,
schaut in das stille Licht.
Die Flamme …, welches sanfte Regen,
beginnt zu flackern, ja zu leben,
Schattenspiel auf Cellophan,
Weihnachtsbäume, alte Träume,
manch gehauchtes Angesicht,
dann zerspringt das Porzellan.
Müde Augen, feuchter Schimmer,
schwarzer Docht und dunkles Zimmer,
plötzlich helles Stimmgeläut,
die Türe aufgerissen,
ruft ihm ein Stimmchen ins Gewissen,
»Opaa …, Weihnacht,
die Weihnacht ist doch heut!«


Der Blume Duft

Es war eine Blume so voller Gaben,
nektargelb und liebesrot,
ich roch an ihren Farben
und war alsbald versunken
in ihrem blühend bunten Petticoat.
Mal ward mir leicht, mal ward mir schwer,
die Blume ist verschwunden,
doch ihren Duft der kurzen Stunden,
ich geb ihn niemals her.


Enkelin, vier Wochen alt …
(für Edda-Helene)

Sie riecht nach Milch, nach Frieden,
nuckelt mit geschloss’nen Augen,
so göttlich völlig unbeschrieben
schlafend ganz entrückt.
Was gibt dir jedes kleinste Beben
dieses Wunderwesens
an verlor’nem Glauben mit zarter Wucht zurück.
Und wenn die kleinsten Finger dieser Welt
sich fest um deinen Daumen legen,
wirst du fast verrückt vor Glück
über das, was du kurz geliehen, in den Armen hältst.


Weihnachts-Lichteln

Es schaute in der Dunkelheit
der kleine Klaus von dem Balkon,
da sah er Fenstersterne weit und breit
in dem Fassadenkleid der Wohnregion.
Dann blickte er zum Himmel auf
und meinte sehr erstaunt in freudig Ton:
»Die Aliens lichteln auch!«


Die Lücke

Nicht die Lücke ist die Tücke,
sondern deren Drumherum,
denn wenn es dieses gar nicht gäbe,
wäre doch die Lücke im Gerede
bei uns als Optimum.





Bernd Herrde,
geboren 1946 in Dresden. Erlernter Beruf Binnenschiffer bei der Fahrgastschifffahrt Dresden, später Studium von Kultur und Kunstwissenschaft an der Universität Leipzig und von 1980 bis 2011 Konservator im Museum für Sächsische Volkskunst. Mit »Der Sehnsucht fliehend Licht« ist 2016 bereits der sechste Gedichtband des Autors im R. G. Fischer Verlag erschienen.