Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer
R. G. Fischer Verlag

Adelheid Kreis-Lehr


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Beitrag entnommen Anthologie
ģIm Zaubergarten der WorteĢ
Ausgabe 2021







Die Nivea-Dose

Eine Geschichte zum Schmunzeln


Ich hatte mir vorgenommen, so viel wie möglich im Garten zu erledigen. Mein Mann und ich wollten am Wochenende Ziersträucher besorgen und sie im hinteren Teil des Gartens einpflanzen. Wir hätten auch Unkraut jäten und Äste schneiden müssen, aber ich weiß, wie ungern mein Mann im Garten arbeitet. Ich wollte gerade beginnen die Rosen zu schneiden, als ich das Telefon in der Küche läuten hörte. Ich lief in die Küche, streifte meine Arbeitshandschuhe ab und griff zum Telefon.

»Hallo Charlotte, ich bin es Marianne!« Sie ist eine gute Freundin und eine bekannte Malerin, die ihr Atelier in der Ulmer Altstadt hat. »Ich eröffne heute Abend um 20 Uhr meine neue Vernissage und möchte dich herzlich einladen.« Ich versprach zu kommen und legte auf.

Wenn ich wirklich hingehen wollte, musste ich jetzt meine Arbeit im Garten beenden. Ich räumte die Gartengeräte wieder in den Schuppen und machte mich auf den Weg in die Küche. Es war fast 19 Uhr. Das Abendessen musste noch vorbereitet werden, bevor ich ins Bad gehen konnte, um mich für die Vernissage fertig zu machen.

Ich war gut im Zeitplan und so schaffte ich es bis um 20 Uhr in die Altstadt von Ulm. Meinen Smart stellte ich ins Parkhaus im Fischerviertel und ging den Rest des Weges zu Fuß. Als ich das Atelier betrat, waren schon eine Menge Besucher da, die von Bild zu Bild pilgerten, um die Exponate zu bewundern. Ich schaute mich kurz um und erblickte Marianne in einer Gruppe von Bewunderern. Zielstrebig ging ich auf sie zu. Als ich kurz hinter ihr stand, drehte sie sich um und begrüßte mich herzlich.

»Schau dich nur mal um, Charlotte, ich muss noch jemanden begrüßen.« Sie drückte mir ein Glas Sekt in die Hand, drehte sich um und begrüßte einen jungen Mann, den ich nicht kannte. Ich schlenderte durch die Ausstellung und betrachtete die ausgestellten Kunstwerke. Marianne mag ich sehr, aber ihre abstrakten Bilder sind nicht so mein Ding. Als das Glas leer war, wollte ich es auf den Tisch mit den Getränken stellen, da fielen mir meine rauen Hände auf. Erst jetzt nahm ich das Jucken wahr. Ich dachte, wenn ich meine Hände einkremen könnte, würde das Jucken aufhören. Ich hatte nichts dabei, also schaute ich mich nach Marianne um. Sie weilte in der Nähe des Eingangs, vertieft in ein Gespräch mit dem jungen Mann von vorhin. Es fiel mir auf, wie vertraut sie miteinander sprachen. Gewiss, mir war bekannt, dass Marianne ständig irgendwelche Affären hatte, doch hatte ich es nie so hautnah miterlebt und hier handelte es sich zweifellos um eine Affäre. Obwohl dieser Mann für Marianne viel zu jung war. Aber sie musste selbst wissen, was sie tat und mit wem.

Vorsichtig näherte ich mich. Kurz bevor ich den Eingang erreichte, versuchte ich mich bemerkbar zu machen. Ich wollte nicht in ein Gespräch platzen, das nicht für meine Ohren bestimmt war. Marianne drehte sich plötzlich um und sah mich fragend an.

»Marianne, darf ich einen Moment stören? Hast du vielleicht eine Handcreme dabei? Ich habe heute im Garten gearbeitet und meine Hände sind rau und unansehnlich.«

Eigentlich hatte ich erwartet, dass sie mich dem jungen Mann vorstellte, sie tat es nicht. Nur einen kurzen Moment zögerte sie, dann öffnete sie ihre Handtasche und reichte mir eine kleine Nivea-Dose. Ich griff danach, sagte, ich käme gleich wieder und machte mich auf den Weg zum Waschraum.
Im Gehen dachte ich: »Das ging aber flott.« Wollte sie mich schnell wieder loswerden? An der Türe zum Waschraum drehte ich mich noch einmal um. Marianne und der junge Mann waren verschwunden. Jetzt wollte ich nur noch meine Hände waschen und einkremen, damit das Jucken aufhörte. Das warme Wasser schaffte etwas Linderung. Ich trocknete meine Hände mit einem Papiertuch ab und öffnete die Dose … in der Dose waren Stecknadeln.








Adelheid Kreis-Lehr, geboren 1945 im Sudetenland, lebt seit 1965 in Ulm. Nach Fachhochschulreife und Ausbildung hat sie 1973 geheiratet und wurde 1974 Mutter einer Tochter. Nach zehn Jahren Familienmanagement war sie 25 Jahre im Bibliothekarischen Dienst an der Universität Ulm tätig, bevor sie 2010 in den Ruhestand ging. 2018 ist der Kriminalroman »Hunger im Kopf« erschienen. Der noch nicht veröffentlichte Kriminalroman »Der Clan der Vampire« entstand 2020, nun schreibt sie an einem neuen Kriminalroman mit dem Titel »Im Schatten des Magnolienbaumes«.