Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer
R. G. Fischer Verlag
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Karin Ziegler


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Beitrag entnommen aus
Anthologie »Zeilenwende«
Ausgabe 2025








Lebenslauf

Es riecht nach Fäulnis und Verderben;
vieles muss in der Natur jetzt sterben.
Das sind auch die Blätter an den Bäumen,
sie fallen runter, sind auf Wegen und Zäunen.

Die Bäume haben im Winter nichts zu tun;
sie dürfen schlafen, um sich auszuruh’n.
Aber im Frühling mit neuer Kraft
schießt in die Äste der neue Saft,
um junge Knospen hervorzubringen.
Kinder wieder Frühlingslieder singen.

Aus den Knospen entsteht das neue Blatt;
erst ganz dünn und klein, dann richtig satt.
Wärme ließ es praller und größer werden;
Hitze trocknet es aus überall auf Erden.

Es spielt mit Regentropfen und dem Wind;
sieht unter sich manch fröhliches Kind,
das vielleicht beim Blättersammeln ist
und die Zeit dabei vergisst.

Hier schließt sich der Kreis wieder;
Blätter welken und fallen nieder.
Es riecht nach Fäulnis und Verderben;
vieles muss in der Natur jetzt sterben.


Mein Umzug

1996 kam ich von Thüringen nach Wuppertal und fand eine 46 m2 große Wohnung nahe der Barmer City. Sie entsprach völlig meinen Bedürfnissen, hatte zwar keinen Balkon, war aber schön hell. Das war für mich wichtig, da ich aufgrund einer Netzhauterkrankung im Dunkeln nichts sehe.

Doch nun hat sich meine Sehkraft verschlechtert, und ich muss mir ein Lesegerät und einen Computer anschaffen. Dafür wurde die Wohnung zu klein. Außerdem wollte ich einen Balkon, damit ich die Sonne genießen kann, wenn ich aufgrund meiner Sehkraft nicht mehr so viel laufen kann. Nach langer Suchzeit hatte ich sie gefunden, mit Balkon und Blick ins Grüne, ruhige Lage, große Wohnküche, alles in allem 60 m2 .

Eine Nachbarin mit Partner wollte mir beim Tapezieren und mit dem Teppichboden helfen. Das Aussuchen der Tapeten und der Teppichbeläge wurde für mich schwierig, da ich aufgrund des Grauen Stars die Farben blau, grau, grün, rötlich, gelblich nicht unterscheiden konnte, weil die Beleuchtung in den Verkaufsräumen nicht dem Tageslicht entsprach. Also war ich auf meine Nachbarin angewiesen. Sie beschrieb mir die Ware. Ich nahm mit gelben Blümchen fürs Wohnzimmer passend zu den Kirschbaummöbeln, mit blauen Blümchen fürs Schlafzimmer und mit bunten für die Diele. Weiße oder beige Tapete wollte ich für die Küche. Meinen Bekannten gefiel eine mit komischen Figuren, die angeblich Wappen sein sollten. Ich kaufte Tapeten und Zubehör sowie Teppichböden und Leisten.

Meine Bekannten begannen zu tapezieren, und ich räumte meine Schränke aus, alles in die Umzugskartons rein. Mal fehlten zwei Rollen Tapete, mal eine oder der Leim ging aus. Ich war ständig auf Achse. Abnehmen wollte ich schon immer, dachte ich und lief von der alten Wohnung zum Tapetengeschäft und zum neuen Domizil. Das Wohnzimmer war fertig, das Schlafzimmer angefangen, dann wurden die beiden krank. Ich hatte mir zwar drei Wochen Zeit eingeräumt, doch langsam kamen mir die Wenn und Aber.

Beim Teppichboden im Schlafzimmer fehlte ein Stück, weil hier kein Balkon war. Also kaufte ich noch 70 cm, die am Fenster hinter dem Bett ausgelegt wurden. Endlich war auch dieser Raum fertig, und die Küche kam an die Reihe. Als die erste Wand fast tapeziert war, sah ich zu meinem Entsetzen, dass die komische Tapete mit den Figuren daran klebte. Die Bekannten hatten gedacht, dass sie mir gefiel. Wieder einmal nicht hingehört, wie es viele Leute machen. Ich tröstete mich letztlich damit, dass ich diese Tapete wenigstens sah, da die Figuren dunkel auf weißem Grund waren. Zuletzt wurde die Diele tapeziert. Belag sollte später gelegt werden.

In der Zwischenzeit hatte ich auch meine Schränke ausgeräumt und alles in Kartons verpackt. Nun konnte die Umzugsfirma in Aktion treten. Ich brauchte mich um nichts zu kümmern, sagte mir der
Chef. Vier Stunden ausräumen, aufladen und zur neuen Wohnung fahren – doch das Auto konnte nicht parken, es war kein Platz vorhanden. Mittagspause. Danach immer noch alles besetzt. Um 18 Uhr sollte ein neuer Anlauf gestartet werden. Zwischenzeitlich stellte ich Mülltonnen auf, wenn ein Auto wegfuhr. Hätte ich nur vorher alles selbst organisiert!

18 Uhr – endlich freie Parkplätze und der Transport konnte beginnen. Als das Wohnzimmer fertig war, schlossen mir die Männer den Fernseher an, damit ich ihnen nicht im Wege stand, da es bereits dunkel war. 22 Uhr – alles geschafft. Ich machte drei Kreuze! Die Schränke standen da, wo sie hinsollten, die Kartons schön an der Wand der Wohnküche aufgestapelt, so dass sie mich nicht behinderten. Auspacken und einräumen konnte ich später – ich hatte Zeit; zwei Tage darauf fuhr ich zum Langstocktraining.

 

Selbst ist die Frau – auch mit Handicap

Ich war wieder zu Hause – auspacken der Koffer und Wäsche ­waschen. Nach ein paar Tagen begann ich die Umzugskartons auszuräumen und die Sachen in die Schränke zu tun. Ich musste die Lichtverhältnisse ausnutzen. Ich freute mich, wenn eine Stelle an der Wand frei wurde und wieder ein Karton zusammengelegt werden konnte. Hauptsache, die Kartons waren weg und die Sachen in den Schränken. Feinputz konnte ich später machen, ich konnte es mir einteilen. Irgendwann hatte ich es geschafft, und die Firma holte die Kartons ab. Ich hatte wieder mehr Platz in der Wohnung.
Dann kaufte ich Scheibengardinen für die Küche und ließ sie anbringen, da ich aufgrund meiner Sehkraft nicht genau die Abstände ­abmessen konnte.
Die Spüle wurde geliefert und aufgestellt, ebenso die Regale, in die allerdings nun meine Ordner nicht hineinpassten, nur die Bücher. Am Abend merkte ich, dass es im Unterteil der Spüle tropfte. Ich rief den Monteur an, doch er wollte erst am nächsten Tag kommen. Also stellte ich eine Schüssel unter die tropfende Stelle. Bis zum Auftauchen des Handwerkers hatte ich 1 ½ Schüsseln voll Wasser. Man glaubt gar nicht, dass so viel Flüssigkeit zusammenkommt, wenn ein Hahn im Minutentakt tropft! Eine Dichtung war nicht richtig fest.
Beim nächsten Spülen merkte ich, dass das Wasser vom Abstellen des Geschirrs nicht ablief. Zwischen Spülaufsatz und Schrank war ein Zwischenraum. Ich bekam die Krise. Wenn man nicht alles selbst macht! Am nächsten Tag hatte ich nasse Füße. Mir war eine Kanne Wasser umgekippt, und es lief hinter die Spüle und dann nach vorn. Also musste noch an der Wand abgedichtet werden.

Bianca rief an. Irgendwo machte es »Klack« und ein leises Rauschen war zu hören. Nachdem ich mein Gespräch beendet hatte, sah ich nach. Meine Scheibengardine oben rechts war heruntergefallen. Ich klebte sie wieder an. Am nächsten Tag ein kräftigeres »Klack«, und es fiel etwas zu Boden. Der Saugnapf von einem Haken im Bad hatte sich gelöst. In der nächsten Zeit machte es öfter »Klack«. Ich konnte am Geräusch schon erkennen, was herunterfiel. Bei einem lauteren »Klack« waren die Haken im Bad die Übeltäter, bei einem leiseren „Klack“ mit sachtem Rauschen waren die Scheibengardinen dran. Sie wechselten sich ständig ab, mal rechts oben, links unten und links oben. Genau das gleiche Spiel wie in der alten Wohnung. Ich musste Powerstrips kaufen, die kleben besser.
Das CD-Regal war auch noch nicht da. Die Lieferung erfolgte nicht bis zum 19.12. Also musste ich ab- und neu bestellen. Dann traf mich der Paketdienst nicht an, und – anstatt es mir nochmals anzuliefern – schickte es an den Hersteller zurück, und ich wartete und wartete. Es war zum Auswachsen!
Da ich nun einmal zu Hause war, stellte ich die Waschmaschine an. Doch irgendwie spülte sie gar nicht so laut wie sonst. Als sie sich ausschaltete, sah ich nach und stellte zu meinem Entsetzen fest, dass die Wäsche im Wasser lag. Die Maschine hatte weder gespült noch abgepumpt. Ich stellte den Spülvorgang der Kochwäsche ein, doch es tat sich nichts. Auch das Abpumpen funktionierte nicht. Ich wusste noch nicht einmal, wo man das Wasser abstellen konnte! Wenn nun alles auslief!!!
Ich holte eine Nachbarin zu Hilfe, die mir den Absteller zeigte. Sie bot mir an, meine Wäsche, die voller Lauge war, noch mal zu waschen. Ich schöpfte währenddessen die Trommel aus.
Als ich zur Ruhe gekommen war, suchte ich die Bedienungsanleitung heraus und las bei »Störungen« nach. Bei Nichtabpumpen und Nichtspülen müsste die Laugenpumpe durch einen Fremdkörper verstopft sein. Ich suchte unter der Leselampe mit der Lupe, wo die Laugenpumpe eingezeichnet war. Schwierig mit meiner Sehkraft. Am nächsten Tag ging ich bei der Waschmaschine auf Suche. Mit einer Münze öffnete ich den Deckel im unteren vorderen Teil der Maschine, zog den Schlauch heraus und ließ das Wasser in eine Schüssel laufen. Als ich die Pumpe öffnete, kullerte mir eine kleine rote Kugel entgegen. Sie konnte kein Teil der Waschmaschine sein, die weiß oder beige waren. Ich sah mir die Kugel an. Sie musste vom Zugband meines Mantels sein. Seit ca. zwei Jahren war sie verschwunden. Ich verschloss alles wieder.

Am nächsten Tag bekam ich Besuch und erzählte ihm von meiner Waschmaschine. Er rief immer nur aus: »Du hast das gemacht, du, du, du?« Seine Gesprächsplatte musste einen Sprung haben. ­Erstaunt sah ich ihn an. »Wieso nicht?« Er traute mir so etwas nicht zu. Allerdings hätte ich das vor ein paar Tagen auch nicht getan, da ich von Technik und Handwerk keinen blassen Dunst habe! Aber ein blindes Huhn findet auch einmal ein Korn!
Eine Woche später probierte ich meine Waschmaschine aus. Und sie funktionierte!!! Ich hörte die lauten Geräusche beim Wasserzapfen, Spülen und Abpumpen wieder. Auch beim Klicken der Elektronik hörte es sich nicht mehr an, als ob sie wollte und nicht konnte. Sie konnte wieder!!! Freudestrahlend rief ich Bianca an und sprach auf den Anrufbeantworter: »Sie läuft, sie läuft!!!« Allerdings war ich auch nach dem Herauskullern der Kugel felsenfest davon überzeugt!
Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass der Spiegelschrank im Bad zu hoch angebracht wurde, die Blümchen auf zwei Bahnen der Tapete in der Diele nach unten guckten, im Schlafzimmerschrank ein Zwischenraum zwischen Brettern und Hinterwand war; es sind alles Arbeiten, die von Handwerkern oder »handwerklich begabten« Männern ausgeführt wurden!
Ich werde noch Abdichtungsband für die Spüle besorgen, Regale für Ordner bestellen und andere Sachen selbst machen; denn selbst ist die Frau – auch mit Handicap!

 

Umzugsnachwehen

Sechs Jahre ist es her, seit ich eine neue Wohnung bezogen habe. Im November 2006 und Juli 2007 wurde ich am Grauen Star operiert. Seitdem sehe ich die Welt wieder realistischer und deutlicher, der graue Nebel ist verschwunden.
Nun sah ich mich erst einmal in der Wohnung um und entdeckte die »Kleinigkeiten«, die nicht stimmten, die »handwerklich begabte« Männer vollbracht hatten. Die Tapete mit den »Wappen«, die ich nicht ausgesucht hatte, die aber an den Küchenwänden war, störte mich doch sehr. Warum wird nicht noch einmal nachgefragt, ob man es auch richtig verstanden hat, wenn man für andere Leute etwas macht?
Das Oberteil der Spüle passt nach wie vor nicht auf das Unterteil. Das abgelaufene Wasser vom Geschirr fließt nicht ab. Als Alternative habe ich mir einen Ständer mit Tablett angeschafft, damit ich das Wasser dann auskippen kann.
Die Gardinenstange im Wohnzimmer war noch schiefer als ich mit Nebel gesehen habe. Du meine Güte, wie sah das nur aus! Ich schüttelte den Kopf. Wie kann ein normal sehender Mann so etwas fertigbringen! Wenn es in meinen Blickwinkel fiel, ärgerte ich mich doch sehr.
In der Diele hatten die Blümchen von zwei Tapetenbahnen schon das Zeitliche gesegnet, sie sehen nach unten. Vorher hat es mich nicht gestört, aber jetzt! Das sind die Nachteile eines besseren Sehens!
In der Küche habe ich in der Zwischenzeit die Gardinenstangen ausgetauscht, weil sie immer mit einem »Klack« herunterfielen – trotz Powerstrips –, wenn sie sich durch die Küchendünste lösten. Nicht immer passte dieses »Klack« in den Rhythmus der Radiomusik, aber ich wusste gleich, die Stange gab der Schwerkraft der Erde nach, ich wusste nur nicht, ob es die linke oder rechte Seite der Fenster war. Nun habe ich Stangen, die eingeklemmt werden.
Nachdem mein Herd durch einen neuen Cerankochfeldherd ersetzt wurde, konnte ich meinen Besteckkasten wieder auffüllen. Einige Teile hatten sich zwischen Spüle und Herd verabredet. Dabei dachte ich, dass dieser Zwischenraum auch aufgefüllt werden müsste. Na, mir wird schon was einfallen. Mein Toastbackofen hatte auch noch keinen Platz gefunden. In der jetzigen Wohnung fehlt mir eine Wand, denn er stand auf Mikrowellenhaltern, die an der Wand angebracht waren.
Außerdem habe ich Angst, wenn mein »Freizeithandwerker« bohrt, dass die Halter samt Backofen der Schwerkraft nachgeben oder auf die Straße zeigen, falls die Außenwand durchbohrt wird.
Beim Umzug wurden die Lampen von Diele und Bad vertauscht. Sie sollten jetzt umgehängt werden. Doch beim Bohren war die Decke der Diele zu dick, der Bohrer kam nicht durch. Die Lampen freuten sich, dass sie ihren alten Platz wiederbekamen.
Im Wohnzimmer halten zwei Thermo-Chenille-Schals die Zugluft – einen Teil davon jedenfalls – ab, unten an der Balkontür darf sich ein Zugluftstopper-Löwe den Hintern kühlen.
Im Badezimmer war durch den Umzug ein Nippel am Spiegelschrank abgebrochen, und der eine Spiegel wurde blind. Ich entschloss mich, den Schrank auszutauschen. Nur, wer sollte das machen? Mein »Freizeithandwerker«? Nein, bei ihm probierten die Hängeschränke den freien Fall und würden das Waschbecken mitnehmen, denn zu zweit fällt es sich besser. Also fragte ich einen Leidensgenossen mit Röhrenblick, der Werkzeug und Arbeitslust mitbrachte. Nach drei Stunden hingen zwei Hängeschränke, zwei »Bücherbretter«, von denen eins auch sehr sportlich im freien Fall vorher war. Sie wurden mit Winkeln befestigt und das mit Handicap!
Mein »Freizeithandwerker« hätte fünf Stunden und mehr gebraucht und es wäre fraglich gewesen, dass alles festhing. Ihm traute ich zu, den Deckel der Toilettenschüssel zu wechseln, rot war für mich kontrastreicher. Er hatte Mühe, den alten Deckel abzuschrauben, war aber mit dem neuen schnell fertig.
Nach kurzer Zeit wurde der Ring locker, rutschte und knallte an mein Gesäß, da er sich nach dem Gewicht, das auf ihn zukam, bewegte. Das machte viel Spaß, da meine Hämorrhoiden eins draufbekamen! Ich fühlte mich wie ein Pavian, dem der Hintern brennt und dazu der rote Ring und Deckel der Toilettenschüssel! Es passte wie die Faust aufs Auge!
Ich reklamierte bei »Hobbyklaus«, der den Schaden dann beseitigte. Ich muss mir doch einen besseren Handwerker suchen, am besten ist ein Handwerker als Ehemann. Doch, ob der zu Hause was tut, ist fraglich. Interessanter ist es bei der Nachbarin.

Der Schornsteinfeger hatte mich nicht angetroffen. Ich sollte mich melden. Er kontrollierte den Geyser. Nach getaner Arbeit brachte er die Haube wieder an. Auf einmal hatte er das gesamte Gerät in der Hand, drückte es an die Wand, damit die Verbindung zum Rohr nicht abriss. »Haben Sie Dübel?«, fragte er. Ich hatte welche, aber die konnte er nicht verwenden. Ein Vertreter der Wohnungsverwaltung ging auf die Suche. Der Schornsteinfeger hielt standhaft den Geyser an die Wand. Ich fragte mit besorgter Stimme: »Was wäre denn, wenn mir was passiert wäre?« »Da hätten Sie eine Himmelfahrt gemacht«, sagte er. »Na prima, da wollte ich noch nicht hin«, meinte ich. Nach zehn Minuten kam der Hausmeister mit den Dübeln. »Hoffentlich passen sie; es könnte ein Hohlraum dahinter sein«, meinte der schwarze Glücksbringer. »Machen Sie keinen Ärger. Ich hatte nach meinem Einzug schon die Stange der Dusche in der Hand. Dazu hieß es, das kann nur passieren, wenn man sich dranhängt. Doch ich war vor sechs Jahren noch so gelenkig, dass ich ohne Dranhängen aus der Dusche kam und als Rutsche, wie die Feuerwehrmänner, wollte ich die Stange auch nicht benutzen«, konstatierte ich. Es wurde gebohrt, gedübelt und der Geyser hing wieder. »Ist er auch wieder richtig fest? Ich kann sonst nicht richtig schlafen«, meinte ich ängstlich. »Ich habe schon schlaflose Nächte hinter mir, weil das Rohr zu kurz war und beanstandet wurde. Dann wurde es mit Klebeband verbunden, und das sollte sicher sein. In der ersten Zeit schlief ich wie ein Hase«, erzählte ich den Männern.
Im März wurde die Gasleitung überprüft. Vom Keller her war ein Klopfen zu hören. Nach drei Stunden wurde der Geyser von den Mechanikern wieder angestellt und getestet, ob alles in Ordnung war. Es war. Ich, als ängstlicher Hase, fragte den jungen Mann, ob Gas austreten kann. Doch der meinte, es ist ein Sicherheitsventil drin, das den Geyser ausschaltet. Das Gas wäre nicht mehr so giftig wie vor zehn Jahren. Die Himmelfahrt hätte nicht stattgefunden, wie der Schornsteinfeger gesagt hatte. Ich zweifelte. Wer hatte nun recht? Wem sollte ich glauben als Laie?
In der Zwischenzeit schlafe ich wieder ruhiger.
In allen Situationen muss ich meine Frau stehen – auch mit Handicap!

Osterzeit

Ein Häschen saß hinter einem Busch;
denkt: Jetzt ist mit der Arbeit Schluss.
Ich lass das Eierfärben sein
und gehe nun endlich heim.

Ich brauche Ruhe und auch Kraft;
die Arbeit hat mich sehr geschafft.
Ich lege mich jetzt auf die Ohren,
bin danach wie neu geboren;
kann die Eier gut verstecken
und bei Kindern Freude wecken.

 

Vergänglich

Es ist vergänglich, dieses Leben,
drum muss es jeden Tag geschehn,
nach dem Höchsten musst du streben,
jeden Tag mit jedem Herzensschlag.

Keine Stunde soll dich reuen,
die das Leben dir geschenkt.
Jeder Augenblick soll dich erfreuen,
wenn du einst zurückdenkst.


Mensch, wie klein du doch bist

Mensch, wie klein du doch bist;
sieh dich doch an!
Bist du stolz auf dich?

Spielst dich auf, als wärst du der Größte!
Zwar sind dein Wissen und Können nicht von der Hand
zu weisen und bewundernswert –
doch wie setzt du es ein?

Schreibst deinen Mitmenschen vor, wie sie sich zu
verhalten haben – was sie dürfen,
was Recht und Gesetz ist!
Verhältst du dich selber so?
Hast du keinen Dreck am Stecken?
Benimmst du dich so, wie du es von anderen verlangst?

Wer gibt dir das Recht über andere zu urteilen und
zu richten?
Ihre Meinung in die Bahnen, die du für richtig hältst,
zu lenken?
Wer bist du in deinem Größenwahn?
Ein großer Egoist!
Ohne Rücksicht auf andere wirtschaftest du in die
eigene Tasche;
trittst Humanität und das Recht auf Leben und Sterben
mit Füßen;
erkennst freie Entscheidungen deiner Mitmenschen nicht an;
legst ihnen Zwänge auf;
kennst keine Toleranz, nur die Durchsetzung deines Willens!

Mensch, du willst der Größte sein?
Doch was bist du gegenüber der Natur und ihren Gesetzen,
ihren Schönheiten und ihren Gewalten!
Dagegen bist du ein kleiner Wicht,
ein Narr, ein Tor;
denn du erkennst die Wahrheit nicht!

Die Natur lässt sich nicht beherrschen,
heute nicht und morgen auch nicht;
wenn du weiterhin nur von ihr nimmst und nicht gibst,
sondern nur deinen Wohlstand liebst!

Doch sie schlägt zurück,
wenn du sie nicht sinnvoll nutzt;
greifst du nur aus Profitgier und ohne Denken ein –
rottest du dich doch selber aus!

Die Welt besteht weiter ohne dich;
denn du spielst nur eine winzige Rolle darin!
Die Entwicklung geht weiter –
begreif es doch endlich, du kleiner Wicht!
Und denke nicht, dass du der Größte bist!

 

Zeit und Ewigkeit

Ein Kind wird geboren,
es wächst heran.
Bis es viel weiß, dauert es sehr lange.
Ein Vergleich mit dem Wissen und Können
der Erwachsenen fällt schlecht aus.
Es will alles gleich können.
Die Zeit vergeht ihm zu langsam.
Es kommt ihm vor wie eine Ewigkeit.

Wenn ich einmal groß bin, hört man oft,
dann mach ich alles, was die Erwachsenen tun –
dann darf ich alles.
Jedes Jahr wird gezählt; es vergeht zu langsam –
eine Ewigkeit.
Doch dann ist die Schule vorbei,
die Lehre beginnt und endet;
die Arbeit nimmt den Menschen voll in Anspruch –
er hat keine Zeit.

Hausarbeit und Familie noch dazu,
die Zeit wird kurz, der Stress nimmt zu,
die eigenen Wünsche stehn zurück.
Es gibt so viel zu sehen, zu tun und zu erleben;
man hat so viel versäumt,
denn die Welt ist so groß,
das Leben so kurz – es dauert keine Ewigkeit.

Ein verregneter Urlaub;
was kann man da machen,
man ist an das Zimmer gebunden,
man hat zu nichts Lust,
Langeweile kommt auf.
Die Zeit wird zur Ewigkeit.

Man verliert seine Arbeit;
hat keine Beschäftigung mehr,
keine Aufgabe, kein Ziel;
lustlos, gelangweilt verbringt man den Tag,
der nicht vergehen will.
Die Zeit wird zur Ewigkeit.

Eine Krankheit kommt – unheilbar;
die Schmerzen nehmen zu.
Jeder Tag wird zur Qual.
Man wird alt und ist allein;
der Sinn des Lebens ist verloren.
Der Mensch wartet auf den Tod.
Die Zeit der verbleibenden Tage ist so lang.
Es dauert eine Ewigkeit bis zum Ende.

Karin Ziegler wuchs bei Erfurt (Thüringen) auf, ist Betriebswirtin und Diplombibliothekarin. 1992 bekam sie die Diagnose »Retinitis Pigmentosa« (Tunnelblick); als Ventil schrieb sie ihre Gefühle und Trauer auf und ihr erstes Gedicht entstand (in »Lesestücke für Sehleute«). Sie zog nach Wuppertal, besuchte Kurse »Kreatives Schreiben« der VHS, wurde Mitglied des Arbeitskreises »BLAutor« (blinde und sehbehinderte Autoren). Seitdem entstehen immer neue Gedichte und Geschichten, die sie in Lesungen in Wuppertal und Umgebung vorträgt. Veröffentlichung von Texten im »Zaubergarten der Worte«, 2020, R. G. Fischer Verlag und in »Zeilenwende«, 2023 und 2024, R. G. Fischer Verlag.