Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer
R. G. Fischer Verlag
Tel.: 069 941 942 0     info@rgfischer-verlag.de

Zur Kritik an Dienstleisterverlagen


Rita G. Fischer


Lange Zeit habe ich es, all den Unsinn betreffend, der im Internet über Dienstleisterverlage allgemein und damit auch meinen Verlag kursiert, so gehalten wie die Queen: auf den gesunden Menschenverstand der Leser vertrauen und – vornehm schweigen. Doch allmählich nimmt dieser oft Jahre und Jahrzehnte alte Müll so zu, dass ich mich entschlossen habe, mich doch einmal zu ein paar Beispielen zu äußern.


Vorwegschicken möchte ich: Als ich vor über 40 Jahren 1977 meinen Verlag gründete, war dies der erste Dienstleisterverlag überhaupt. Ich war die erste, die erkannte, wie schwer es viele Autoren hatten, überhaupt einen Verlag zu finden, denn schon damals war es so, dass die großen Publikumsverlage vorwiegend Bücher ihrer eigenen Erfolgsautoren publizierten und ansonsten für viel Geld Lizenzen ausländischer Bestseller kauften. Neuen deutschen Talenten gaben sie schon damals kaum eine Chance. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Außerdem munkelt man, dass auch große Verlage inzwischen manchmal Geld von Autoren nehmen.

Lange Jahre konnte ich völlig unbehelligt arbeiten, niemanden interessierte es, wie ein Buch finanziert wurde. Medien und Leser interessierten sich nur dafür, was darin stand. Und die Autoren waren zufrieden, hatten sie doch endlich eine Möglichkeit gefunden, ihre Bücher professionell zu publizieren. Dass sie etwas dafür bezahlen mussten, fanden sie völlig in Ordnung, denn sie finanzierten damit ihre Leidenschaft, und den Kostenzuschuss empfanden sie als vergleichbar mit dem Geld, das sie für eine Reise oder ein schönes Möbelstück ausgegeben hätten: Geld gegen Leistung. Eine faire Sache.
Das begann sich allmählich zu wandeln, als Nachahmer auf den Markt kamen, von denen einige ihr Geschäft nicht so seriös betrieben wie ich, sondern am schnellen Einmal-Geschäft interessiert waren. Manche versprachen ihren Autoren viel, hielten aber wenig. Zeitgleich entstand das Internet und bot somit Autoren, die sich betrogen fühlten, eine Plattform, sich anonym und mit aller Wut zu äußern. Dazu kamen dann noch allerhand Wichtigtuer und selbsternannte Experten, die zwar niemals selbst tatsächlich ein Buch veröffentlicht hatten, aber es genossen, ihre sooo wichtige und einzig richtige Meinung kundzutun: Verlegen komme von vorlegen und alles, was nicht vollständig von einem Verlag finanziert sei, müsse ja automatisch Mist sein und außerdem seien Dienstleisterverlage sowieso alle Betrüger, die hilflosen alten Leuten das Geld aus der Tasche zögen und quasi mit dem Lasso auf der Straße lauerten, um zahlende Autoren einzufangen.

***

Da kursiert zum Beispiel ein mittlerweile etwa 20 Jahre alter Spiegel Artikel aus dem Jahr 2000, der von einem Herrn K. initiiert wurde, der offenbar davon ausgegangen war, dass der Roman, den er im Ruhestand geschrieben hatte, doch ganz sicher kurz nach Erscheinen auf der Bestsellerliste stehen würde. Da dieser Herr früher ein hoher BKA-Beamter war, schien er dem Spiegel natürlich glaubwürdig. Es besuchte mich ein Journalist, von dem ich annahm, dass er über die üblen Geschäftsmethoden mancher meiner Konkurrenz recherchieren würde. Mit keinem Wort erwähnte er Herrn K. und dessen bei mir erschienenes Buch. Ich hatte also keinerlei Chance, meine Sicht der Dinge darzulegen. Immerhin führten jedoch die Informationen, die ich dem Journalisten über die liebe Konkurrenz geben konnte, dazu, dass sich der Artikel nicht, wie Herr K. wohl gehofft hatte, nur auf meinen Verlag bezog, sondern auch auf einige andere. Nach dem Erscheinen des Artikels brach bei uns das los, was man heute einen Shitstorm nennt. Auf meinen telefonischen Vorwurf, wie er mich nur derart überrumpeln konnte, meinte der Journalist ganz trocken sinngemäß etwa: „Was wollen Sie denn, ich habe doch gar nicht geschrieben, dass Sie Herrn K. betrogen hätten, sondern nur, dass der sich betrogen gefühlt hat. Unsere Leser wollen nicht lesen, wie schön und nett die Welt ist, sondern sie wollen lesen, wie schlimm und schlecht alles ist. Das bringt die Auflage.“ Immerhin erklärte man sich bereit, diesen stark gekürzten Leserbrief von mir in der übernächsten Ausgabe zu bringen:



Weiterhin kursiert im Internet ein »Erfahrungsbericht« einer Schweizer Autorin, der inzwischen ebenfalls etwa 20 Jahre alt ist. Damals waren die Druckverfahren noch anders und man musste große Mengen drucken, um zu einem vernünftigen Stückpreis zu kommen. Als sie kurz nach dem Erscheinen ihres Buches feststellte, dass sie es selbst sehr viel gewinnbringender über ihre eigene Homepage verkaufen konnte, weil der Versand von Deutschland aus in die Schweiz teuer und zeitraubend war, fing sie an zu bereuen, das Buch in einem deutschen Verlag herausgebracht zu haben und wollte den kompletten Vertrieb selbst übernehmen. Nachdem sie das mitgeteilt hatte, waren wir natürlich etwas zögerlich, eine zweite Auflage herauszubringen und sie konnte für einen kurzen Zeitraum keinen Nachschub für ihr eigenes Vertriebsnetz bei uns erhalten. Ich habe ihr damals die Rechte zurückgegeben und ihr damit den Weg freigemacht, ihr Buch selbst zu vertreiben. Im Internet liest sich das alles ein wenig anders dargestellt. Jeder hat halt seine subjektive Sicht der Dinge …

***

Zur Leipziger Buchmesse 2019 erschien in der TAZ ein Blog, dessen Autorin sich über eine Lesung an unserem Stand mokierte und die ach so arme Autorin bedauerte, die da am Lesepult stand. Außerdem warf sie mir vor, auf welche schmutzige Weise ich die Nähe zum S. Fischer Verlag suchen würde. Dazu muss ich sagen: Als ich 1977 noch während meines Studiums meinen Verlag gründete, hätte ich ihm gern einen schönen Fantasienamen gegeben, doch da es eine Einzelfirma war, durfte ich das damals schlicht nicht. Einzelfirmen mussten so heißen wie ihr Inhaber. Und ich hieß nun einmal Fischer. Außerdem wundere ich mich immer wieder darüber, wenn gerade Autoren, die ja mit Schrift vertraut sein sollten, nicht zwischen S. und R. G. unterscheiden können. Als ich dann später, nachdem mein Verlag größer geworden war, „richtige“ Gesellschaftsformen wählen musste, war der Name R. G. Fischer Verlag schon so bekannt, dass es Blödsinn gewesen wäre, ihn umzubenennen.

Doch zurück zum Blog in der TAZ. Als ich ihn der betreffenden Autorin zugänglich machte, war diese so empört, dass sie folgende E-Mail an die TAZ schickte:

Gegendarstellung zum Blog in der TAZ von Margarete Stokowski vom 23.3.2019: »Wenn man Schreiberling werden will«

Sehr geehrte Frau Stokowski,

die »Frau, etwas älter, kurze graue Haare, blauer Schal«, die Sie in Ihrem Blog von der Leipziger Buchmesse (23.3.2019) beschreiben, bin ich, Sylvia Eichenwald, Autorin des beim R.G. Fischer Verlag soeben erschienenen Romans »Paminas Traum vom Leben«.

Schon, dass sich dort unsere Wege fast gekreuzt hätten, hat meinen Auftritt gelohnt. Statt mich im Vorbeigehen zu bedauern, wäre es allerdings ergiebiger gewesen, wenn Sie mich angesprochen und/oder mein Buch in die Hand genommen hätten, dann hätte ich Sie sofort beruhigen können: die Lesung war kein Horror für mich, und die Zusammenarbeit mit dem R.G. Fischer Verlag ist für mich eine grosse Freude.

Zu dem Verlag bin ich gekommen, weil ich mit meinem ersten Roman »Sextus« vor vier Jahren eine echte Odyssee durch die Publikumsverlage gemacht habe. Wie üblich (und mir auch vorher bewusst), kam von nirgends auch nur eine Reaktion, bis zwei Literaturprofis, die eine Autorin eines bekannten Verlags, die andere Verlegerin von spoken words-Büchern, sich eingeschaltet haben. Nun bekamen wir zwar weiterhin keine Zusage, aber immerhin eine Erklärung für das durchgehende Desinteresse von Seiten der Verlage: mein Geburtsjahr, 1947. Von allen diesen Verlagen wurde meinem Roman Spannung attestiert und mir ein souveräner Umgang mit der Sprache, aber: »Wir sind auf der Suche nach jungen Autoren«, hiess es da durchwegs, und »die wenigen Plätze in unserem Verlagsprogramm sind unseren Hausautoren vorbehalten.« Keine Chance also.

Beim zweiten Roman, dem aktuellen, ersparte ich mir Umwege und meldete mich sofort beim R.G. Fischer Verlag, der schon den »Sextus« hatte herausbringen wollen, aber da war mein Misstrauen noch zu gross, das Misstrauen gegenüber diesem »Autorenverlag« und dem anderen, das Sie in Ihrem Blog so total unreflektiert nachbeten.

Ja, ich habe eine ansehnliche Summe dafür bezahlen müssen, was mir nur dank dem Zuschuss einer Gönnerin möglich war. Wenn Sie sich im Buchgeschäft auskennen, wissen Sie, dass es zum Beispiel im Sachbuchbereich längst üblich ist (wie auch im Bereich von CD-Produktionen), dass die Autoren für die Herstellungskosten Geld aufbringen müssen, sei es ihr eigenes oder auch durch Stiftungen o. ä., vom viel besungenen verlegerischen Risiko also keine Spur.

Was ist falsch an dem Geschäftsmodell? Dass Frau Fischer (die sich Ihrer Meinung nach offenbar anständigerweise umbenennen müsste, um nicht mit S. Fischer verwechselt zu werden und daraus Kapital zu schlagen) damit gut verdient? Wen wollen Sie mit Ihrer Gegnerschaft schützen? Die Autoren der Publikumsverlage haben damit nichts zu tun, und ich als Autorin des R.G. Fischer Verlags muss nicht geschützt werden. Ich wusste ja im Voraus, dass es ein teurer Spass würde. Natürlich wusste ich nicht im Voraus, ob dieser Spass sich lohnen würde, aber das weiss ich jetzt.

Meine Erfahrungen mit dem Verlag sind nur positiv, wir haben gemeinsam alles dran gesetzt, ein gutes und auch schönes Buch zu machen. Wenn Sie auf der Leipziger Messe die Hand danach ausgestreckt und einen Blick hinein geworfen hätten, hätten Sie sich leicht einen Eindruck verschaffen können, ob es Mist ist oder nicht, Sie hätten mich auch auf mein angebliches Martyrium beim R.G. Fischer Verlag im Allgemeinen und dieser Lesung im Besonderen ansprechen können, aber Sie haben es bedauerlicherweise vorgezogen, die stereotypen negativen Argumente unbesehen zu wiederholen, inklusive die beiden auch schon in die Jahre gekommenen Links. Für weitere wahrheitsgemässe Auskünfte stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung, und vielleicht möchten Sie nun mein Buch doch näher kennenlernen: Sylvia Eichenwald, »Paminas Traum vom Leben«, erschienen bei edition fischer (2019).

Sylvia Eichenwald

Autorin im R.G. Fischer Verlag

***

Vieles von dem, was im Internet über Dienstleisterverlage behauptet wird, stammt gar nicht von Buchautoren, die selbst eigene Erfahrungen bei einem solchen Verlag gemacht haben, sondern die vielleicht zwar selbst schreiben, aber noch auf Verlagssuche sind oder sich einfach nur darüber aufregen, dass sie etwas für die Dienstleistung der Herausgabe eines Buches bezahlen müssen. Mitunter mag auch Neid eine Rolle spielen, dass andere sich finanziell einen Zuschuss leisten können, während man selbst keinen aufbringen kann.
Natürlich gibt es heute jede Menge Möglichkeiten Bücher im Selfpublishing oder bei Print-on-Demand-Anbietern herauszubringen. Für das wenige Geld, das dieses kostet, wird allerdings in der Regel nur die Datei des Autors unkorrigiert mit allen Fehlern und Schwächen in einen Riesendatenfriedhof eingestellt, weiter passiert nichts. Für alles, was der Autor dort zusätzlich kauft, sofern es überhaupt angeboten wird, muss er zusätzlich bezahlen: Lektorat, Layout, Covergestaltung und vor allem Werbung (die immer das teuerste an einem Buchprojekt ist, viel teurer als die rein technische Herstellung eines Buches). Wenn man das alles zusammenzählt, kommt man am Ende – oh Wunder! – auf vergleichbare Summen wie die, die wir für das Komplettpaket verlangen. Bei uns hat man dann nur einen vertrauten Ansprechpartner, während man sich bei manch anderem Anbieter immer wieder neu mit einzelnen Dienstleistern für Lektorat, Layout, Grafik, Werbung auseinandersetzen muss.

Mancher Hobbyautor ist so naiv und meint, dass der Text, den er geschrieben hat, völlig fehlerfrei und so gut sei, dass alle Welt nur darauf gewartet hat. Wieviel Arbeit in einem professionell gemachten Buch wirklich steckt, ist den wenigsten klar. Und wieviel Arbeit es macht, in der Flut von jährlich rund 100.000 neu erscheinenden Büchern auf einzelne Titel aufmerksam zu machen, sieht auch nicht jeder. Nach wie vor haben viele den Traum: Ich schreibe heute ein Buch, in drei Monaten steht es automatisch auf der Bestsellerliste und in einem Jahr sitze ich als Multimillionär auf einer Insel in der Karibik. Werden diese Träume nicht wahr, dann lässt man seinem Frust im Internet freien Lauf, nicht unter dem eigenen Namen, sondern unter Pseudonym. Und immer muss natürlich ein Schuldiger gefunden werden, und immer ist es der böse Verlag …

Mein Appell ist einfach: Glauben Sie nicht unbesehen alles, was Sie im Internet lesen, sondern hinterfragen Sie, mit welcher Motivation, wann und von wem ein Artikel geschrieben wurde. Und seien Sie fair: Hören Sie sich immer auch erst einmal die andere Seite an. Erst wenn Sie beide Seiten kennen, können Sie etwas wirklich zutreffend beurteilen.

Rita G. Fischer